The Seer and the Seen

2021

ARCHIVE

Eine weiße Buchseite als Neubeginn, eine weiße Taube als Friedenssymbol, buddhistische Mönche, die weiß tragen zur Trauer. Reinheit, Unschuld, Unendlichkeit, Perfektion, Stille, Leere, Kühle. Kaum eine Farbe ist so bedeutungsschwer wie die Farbe Weiß. 

 

Blanc de Blancs – Weinkenner bezeichnen damit einen Weißwein, der ausschließlich aus weißen Trauben gekeltert wurde. Blanc de Blancs meint aber auch die Bedeutungsvielfalt dieser Farbe.

 

Die vom Berliner Künstler Gregor Hildebrandt in Kopenhagen kuratierte Ausstellung Schnee fällt hinterm Berge dient als Ausgangspunkt für diese Ausstellung und wurde für die Villa Schöningen um einige Positionen ergänzt. Vom 19. März bis 08. Mai 2022 zeigt die Villa Schöningen 54 Werke von 38 zeitgenössischen Künstler:innen. So unterschiedlich die Arbeiten sind, sie alle eint ein formales Kriterium: ihre Auseinandersetzung mit der Farbe Weiß. Mit einer unbunten Farbe, die nicht nur Reduktion, sondern auch Vielfalt bedeuten kann.

 

Karin Sander etwa versendet eine weiß grundierte, runde Leinwand komplett unverpackt von Ausstellung zu Ausstellung. Die entstandene Patina, Schrammen, Kratzer und vermeintlichen Beschädigungen ergeben eine Zeichnung, eine Aufzeichnung des Postweges, eine Aufzeichnung von Zeit. Ihr Werk startet als leeres, unbeschriebenes Blatt und gestaltet sich partizipativ. 

 

Eine andere Form der Dokumentation von Ort und Zeit findet sich im Werk The Sum of All Best Practices von Jorinde Voigt. Hier ermöglicht das monochrome Weiß das Hervortreten von Linien, Schnittkanten und Formen, die spezifische Formen an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit festhalten. In diesem Werk sind es Laubblätter, die die Künstlerin im Herbst 2021 auf dem Weg zu ihrem Atelier sammelte.

 

Jürgen Krause trägt mit einem Pinsel Kreidegrund auf beide Seiten eines Papiers auf. Die mantraartige Wiederholung dieser Handlung lässt ein blockhaftes, mehrere Zentimeter dickes Objekt entstehen, eine Verdichtung vieler möglicher Bilder. Lediglich der Titel Grundierung. Mai bis September 2012 lässt auf einen Anfang und Ende schließen, auch wenn sich die Handlung ins Unendliche denken lässt.

 

So beginnt die Villa Schöningen ihr Ausstellungsjahr mit einer weißen Seite. Wie mächtig diese sein kann, zeigte jüngst die Festnahme einer jungen Russin, die gegen den Einmarsch ihres Landes in die Ukraine demonstrierte. Ihrem Protest verlieh sie mit einem weißen Plakat ohne Schrift und ohne Symbole Ausdruck. Für die russische Staatsmacht Provokation genug, um sie zu verhaften.

220505_vs_bdb_extended_web-14.png
_DSC9214.jpg

Olaf Metzel, Schattierungen von Weiß, 2021 © Villa Schöningen, courtesy the artist and Wentrup gallery. ⁠Isa Melsheimer, Die Dosis macht das Gift, 2020, © Villa Schöningen, courtesy the artist and gallery Esther Schipper.⁠ Gerd Rohling, Immer im Bilde / weiß 1, 2015 © Villa Schöningen, courtesy the artist. ⁠Mathias Bitzer, Die Zerbrochene Uhr, 2020 © Villa Schöningen, courtesy the artist.⁠ Leiko Ikemura, Almost White, 2022 © Villa Schöningen, courtesy the artist.⁠ Foto: Sascha Herrmann, 2022.

_DSC9338.jpg

Inge Mahn, Balancierender Stuhl (Balancing chair),2017 Inge Mahn, Balancierende Kugel (Balancing ball), 2017 © Villa Schöningen, courtesy the artist and Kadel Wilborn, Foto: Sascha Herrmann, 2022.

_DSC9341.jpg

Caro Jost, Hudson /14th Street, N-E Corner, New York, March 11 2018 © Villa Schöningen, courtesy the artist and Walter Storms Gallery. ⁠Caro Jost, 140 West 4th Street, New York, November 16, 2018 © Villa Schöningen, courtesy the artist and Walter Storms Gallery. ⁠Foto: Sascha Herrmann, 2022.

_DSC9329.jpg

Amélie Esterházy, Triangularities #3, 2016, © Villa Schöningen, courtesy the artist. Leiko Ikemura, Baby Hare, 2002/17 © Villa Schöningen, courtesy the artist. ⁠ ⁠ Foto: Sascha Herrmann, 2022. ⁠

_DSC9367.jpg

Gregor Hildebrandt, Parabol Spiegel Weiß, 2022 , © Villa Schöningen, courtesy the artist and Wentrup gallery. ⁠Thomas Zipp, Blind Spot Detecting Unit (Balloon Shaped Cloud) 2021 © Villa Schöningen, courtesy the artist. Foto: Sascha Herrmann, 2022.